Sibylle Berg: Und ich dachte, es sei Liebe.

Immer wirst du einsam sein, bis zum Ende, und nie
wird ein anderer etwas daran ändern – erkennt man im
Schmerz, um es später wieder zu vergessen. Wenn man
läuft zu zweit, wie eines, sich ständig berührt und so
leicht ist, dass man sich auflöst und in den Himmel
fliegt. Aber das endet, aus dem Himmel zurück auf dem
Boden, mit der Angst und dem Wissen darum, allein
im Körper, umgeben von all den merkwürdigen
Gefühlen, definitiv unverstanden zu sein – selbst von
sich selbst.

Die Einsamkeit beginnt, wo wir anfangen und nicht
mehr ein Teil unserer Mutter sind. Kindheit heilst die
Zeit, da Hirn und Gefühl sich nicht recht verständigen.
Die finden vielleicht in der Pubertät wieder zusammen.
In der Zeit, in der die meisten die erste Liebe erleben.
Die die romantischste in unserem Leben ist, weil sie nur
aus Illusionen besteht. Die nichts will außer Auflösung.
Ein Mädchen, ein Junge, egal, und wir wollten ihn/sie
und wussten gar nicht, was wir mit ihm/ihr wollten
außer: nie mehr alleine sein. Standen an offenen Fenstern,
draußen Frühling und an den Wänden Pferdeposter,
und was wir über Liebe wussten, das ging so: mit
ihm auf einer Insel sein und ansehen, Tag und Nacht,
und die kleinen Härchen am Arm berühren. Tag und
Nacht. So ein Traum wie damals, als wir noch nicht
wussten, was Liebe ist, wird Liebe nie mehr.
Nie mehr werden wir so unendlich sein.
Die erste Liebe zerbricht, und der erste Liebeskummer
kommt. Ach, wären wir doch gestorben, damals.
Wir hätten uns die Wiederholungen erspart.

Wir haben unsere Unschuld verloren und statt ihrer
Ideen entwickelt, wie Liebe sein müsste, die richtige
Liebe. Denken wir, es muss sein wie fliegen und sich die
Sachen vom Leib reißen und sich nie mehr trennen und
nicht mehr essen und nicht mehr schlafen und nachts
tanzen im Regen und tausend Kilometer fahren nur
für einen Kuss, der nie endet. Das ist die Idee, und sie
meint: Eigentlich wollen wir zurück zu der Zeit, als wir
eins mit der Mutter waren. Bedingungslosigkeit wollen
wir, danach suchen wir und werden immer enttäuscht
werden. Denn so ist es nie.

Das merken wir alle zwei Jahre, wenn wieder ein Traum
zerbricht. Der Schmerz wird weniger. Wir vertragen ihn
nur kaum noch, weil wir doch nicht wissen, wie es gehen
soll, weil wir ahnen, dass etwas falsch ist. Und immer
bleiben wir allein zurück, die wir altern, und unsere
Knochen werden porös, und unsere Seele ist es schon,
überzogen mit vielen Sprüngen. Wir sind nicht mehr jung
und noch nicht alt – die furchtbarste Zeit im Leben, weil
sie voller Sehnsucht nach einem Wunder ist, und das
wird – ziemlich sicher – nicht eintreten. Eigentlich hätten
wir mit unserer ersten Liebe zusammenbleiben können.
Die hundert Wiederholungen auslassen.

Sex ist nur Sex – kann man lernen, feuchte Geschichte, ist doch
egal -, und Freundschaft wird mit der Zeit erst gut. Was
suchen wir, ach ja, die große Liebe suchen wir. Immer
schneller trennen wir uns, verlassen, werden verlassen.
Leiden wird zur Routine und fast cool, weil: da geht
was, da hat man etwas zu erzählen, da wird man bedauert
und nimmt ein paar Kilo ab. Und alle reden von
Lebensabschnittsgefährten und misstrauen der Unendlichkeit
und nörgeln und sind unzufrieden, wenn sie
einen haben zum Liebhaben. Der kann’s doch nicht
gewesen sein. Überall können wir etwas Größeres und
Besseres haben, überall werden uns Träume versprochen.

Neue Partner kann man kaufen an jeder Ecke. Überall
sehen wir Liebe und Sex und Werbung und Filme und
Models, und alle sehen toll aus und sind verfügbar. Warum
dann an etwas hängenbleiben, das den Glanz verloren
hat? Kaum mehr einer schaut in den Spiegel und
sieht sich, wie er ist. Wenn Naomi uns ihre Brüste zeigt,
dann kann man doch Naomi haben.

Immer kürzer wird die Halbwertszeit von dem, was
wir als Liebe bezeichnen, weil wir nicht wissen, wie man
den Dreck sonst nennen soll. Hatte die Generation vor
uns das Problem, vor lauter Analyse und Selbstfindung
zu egoistischen kleinen Arschlöchern geworden zu sein,
kranken wir heute daran, nichts mehr zu sein. Keiner
ist mehr etwas, keiner ist mehr besonders. Falsch
verstandene Demokratie hat uns alle gleich gemacht,
alle ohne Eigenschaften und mit der Sucht nach mehr.
Immer weniger wollen wir uns anstrengen. Das muss
passen, sofort, und gut sein. Wenn wir es mit uns selber
schon nicht gut haben, dann muss doch der Partner
dafür sorgen. Macht er nicht, denn der Partner will Brad
Pitt, und schon ist er weg.

Liebe ist: einen außer sich zu ertragen, sich mit einem
anderen zu ertragen. Doch bis wir erkennen, was Liebe
wirklich ist, sind wir meist schon tot. Schade.

 

 

Quelle: http://www.sibylleberg.ch/

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Dieser Beitrag wurde am 26. Januar 2011 um 4:42 pm veröffentlicht und ist unter Life abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

5 Gedanken zu „Sibylle Berg: Und ich dachte, es sei Liebe.

  1. Phil sagte am :

    Verdammt, das stimmt ja auch irgendwie. Ich liebe das leben und dich dafür, dass du das geschrieben hast sybille berg

  2. Phil sagte am :

    Nein wirklich ich liebe dich

  3. Phil sagte am :

    Antwortet denn hier keiner?

  4. Eigentlich nicht, nein ;)

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